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HATEPOP wollen keine Rapper*innen sein

HATEPOP ist ein Musik-Kollektiv aus Bern, das sehr wütend, aber auch sehr traurig ist. Mit Skibrille im Gepäck treffe ich sie in Zürich vor ihrem SRF Bounce Cypher Auftritt. Eine Reportage.

Ich schreibe das HATEPOP Kollektiv per Instagram an und frage, ob sie Lust auf eine Reportage haben. Ich habe noch keine Ahnung, mit wem ich es zu tun habe. Zwei Tage höre ich nichts, bis eine Nachricht von HATEPOP kommt: „Wollt ihr uns an den Cypher bei SRF Virus begleiten? Und könnt ihr uns vielleicht Skibrillen organisieren?“

Meine Fotografin Alina und ich stehen am Zürcher Hauptbahnhof. Um 17 Uhr sind wir mit dem Berner Musik-Kollektiv verabredet. Die Fünfergruppe begrüsst uns herzlich. Das Kollektiv ist mit Seretid, Artbabe, Lola und Franco fast komplett, nur Arbion fehlt. Elia, ein guter Freund des Kollektivs, ist auch dabei. Gebannt schaut er mit Kopfhörern auf sein Handy. Er verfolgt den Cypher seit 16 Uhr. „Wir dachten, wir könnten Bowlen gehen? Wir haben noch bis 20 Uhr Zeit und keinen Bock, beim SRF zu chillen”, wirft Artbabe in die Runde.

Im Tram nach Oerlikon tauschen wir uns über das bevorstehende Event aus. Seretid und Artbabe rappen heute, der Rest ist als emotionaler Support dabei. HATEPOP ist nicht nur ein Musik-Kollektiv, sie sind eng befreundet und unterstützen sich, wo und wann es nur geht. Zusammen können sie sich kreativ ausleben und Emotionen kanalisieren. Sie sind alle froh, als Kollektiv unterwegs sein zu können. Allein wäre es sehr unangenehm, da sind sich alle einig. Das Kollektiv besteht aus fünf Leuten. Seretid und Artbabe sind für die Vocals zuständig, wobei Artbabe auch Beats macht und Musik produziert. Dazu gehören auch Lola und Arbion, die für Video, Foto, Design und Performance zuständig sind. Während wir die Gruppe begleiten, drückt Lola immer mal wieder auf ihrer Analogkamera ab und hält Momente fest. Wenn Franco nicht gerade im Spital arbeitet, ist er für die Liveauftritte des Kollektivs zuständig. Er bezeichnet sich auch als die Stimme der Vernunft.

Nach einer kurzen Tramfahrt stehen wir vor einem Restaurant, das von aussen nicht sehr vielversprechend aussieht. Das Kollektiv hat hier Mittag gegessen: mittelmässige Spaghetti Carabonara. Der Restaurant-Besitzer sei sehr nett und erzählte ihnen von einer Bowlingbahn im Keller.

Mit Cola und Bier betreten wir den Keller und finden eine Kegel- anstelle einer Bowlingbahn vor. Egal, auch gut. Der Raum sieht aus, als wäre hier schon länger niemand mehr gewesen. Es hängen Fotos von Geburtstagen aus den Neunzigern an der Wand. Wir spekulieren, was hier für wilde Partys stattgefunden haben müssen. Während Artbabe beim Restaurant-Besitzer nachfragt, ob wir im Kegelraum rauchen dürfen, versucht sich Franco an der Technik. Artbabe kommt lächelnd mit einem Aschenbecher in der Hand zurück. Die Boxen funktionieren leider nicht. Wir schreiben unsere Namen auf die Spieltafel und beginnen zu kegeln. Währenddessen sprechen wir über die Anfänge von HATEPOP.

 

Cola, Bier und Zigaretten – Besser als jede Spaghetti Carabonara. Foto: Alina Graber

 

Das Kollektiv kommt aus Bern. Die Anfänge von HATEPOP sind eigentlich schnell erzählt: Seretid und Artbabe entdecken Autotune und probieren ein wenig aus. Da sie Hilfe bei Technik und Visualisierung benötigten, suchten sie Menschen, die sich in diesen Bereichen auskennen. Daraus ist ein ganzes Kollektiv entstanden, welches aus fünf Personen besteht. Dass HATEPOP heute am SRF Bounce Cypher teilnehmen, ist nicht selbstverständlich. Das Kollektiv kritisierte SRF Virus in der Vergangenheit für fehlende Repräsentation von FLINTA* und BPoC Personen. Der Cypher-Host Pablo meldete sich bei HATEPOP und habe sich rechtfertigen wollen. „Ich finde es bei solchen Themen schwierig, wenn Menschen eine defensive Haltung einnehmen. Wir sind auch einfach die falschen Personen, um über Repräsentation in der Rapszene zu diskutieren. Wir sollten lieber Menschen zuhören, die davon betroffen sind”, meint Artbabe. Pablo scheint eine grosse Sympathie für das Kollektiv zu haben. „Pablo simpt für uns und droppt oft unseren Namen in Shows. Ich denke mir oft, dass an unserer Stelle ein anderer Name genannt werden sollte. Zum Beispiel bei einem Black Music Special. Wenn wir mit Slowthai in der Überschrift stehen, ist das einfach cringe as fuck”, sagt Artbabe mit ernster Stimme. Das Kollektiv weiss, dass sie von Name-Dropping profitieren. Trotzdem sind sie davon überzeugt, dass sie im Moment keine Relevanz im Rap-Game haben.

Trotz all der Kritik ist das Kollektiv nun hier und wird immer nervöser, weil ihr Auftritt näher rückt. Ich frage, ob die Teilnahme am Cypher nicht gegen ihre Prinzipien verstösst. „Dies hat auch finanzielle Aspekte: Ich kann es mir mittlerweile nicht mehr leisten, eine solche Chance abzulehnen, weil ich ziemlich broke bin”, sagt Artbabe und lacht. Seretid ist sich sicher, dass es ein grosses Privileg sei, eine solche Chance ablehnen zu können. Lola fügt hinzu, dass die Gruppe lange darüber diskutiert habe, ob sie heute wirklich teilnehmen sollen. Sie und Arbion waren schon eher dagegen als dafür. „Ich habe schlechte Dinge von weiblich gelesenen Personen gehört. Nun kriegen wir die Chance, die gebotene Plattform zu nutzen, um Alteingesessenen zu widersprechen. Viele Künstler*innen äussern sich sehr problematisch. Wir wollen da auch kein zweites Mal hin”, erklärt Lola. Es gibt nochmals eine Runde Bier und Cola. Das hier ist der Zwischenstand unseres Spiels:

 

Der erste Zwischenstand verrät, dass Alina sehr wahrscheinlich nicht gewinnen wird. Foto: Alina Graber

 

Anonymität ist bei HATEPOP ein wichtiges Thema, da nicht alle Mitglieder*innen auf Instagram ihr Gesicht zeigen. Auch heute werden Seretid und Artbabe mit Skibrillen und Sturmmaske auftreten. Das ist bei Live-Events anders. Dort sind die Künstler*innen nicht maskiert. Es geht vor allem darum, dass keine Aufnahmen ihrer Gesichter im Netz herumschwirren. Artbabe habe kein Interesse daran, dass eigene Gesicht oder sich als Person abfeiern zu lassen. Seretid sieht das ähnlich, ausserdem glaubt er, dass es Menschen schnell uninteressant macht, wenn sie zu viel von sich preisgeben. Trotzdem hat er ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Thematik: „Irgendwie fände ich es ja auch geil, wenn mein Gesicht überall zu sehen ist. Ich würde gerne berühmt sein, mich jedoch im nächsten Moment genau so gern vor allen Menschen verstecken.”

 

Das Gesicht gibt es nur bei Live Events zu sehen. Ansonsten bleibt HATEPOP anonym. Foto: Alina Graber

 

Nach einer weiteren Spielrunde kann ich es mir nicht verkneifen, das Kollektiv auf ihr 20 Minuten-Interview anzusprechen, das kürzlich veröffentlicht wurde. Es bricht lautes Gelächter aus. Artbabe erzählt, wie es dazu kam: „Oh mann, das war echt eine Scheiss-Idee. Dazu muss man sagen, dass wir keine Ahnung hatten, wie das Interview am Ende aussehen wird. Wir dachten, dass wir im Rahmen eines M4Music Artikels einen kleinen Beitrag kriegen. Aber wir kriegten eine ganze Seite. Da dachten wir uns nur WTF? Als würde es jemanden interessieren. Es hätte sicher andere Artists gegeben, die es mehr verdient hätten und relevanter gewesen wären als wir. Wenn wir gewusst hätten, wie das Interview geframet wird, hätten wir wahrscheinlich abgesagt. Das Beste waren die Kommentare unter dem Artikel.” Unter dem Artikel waren Kommentare wie „Verenglischung ist nicht cool” und „Die sind auf Telegram unterwegs? Das sagt schon alles” zu finden.

Mittlerweile schafft es Franco, das Radio einzurichten. So können wir den Cypher mithören. Es dauert nur noch eine Stunde, bis Seretid und Artbabe im SRF Livestream auftreten. Ich spreche das Kollektiv auf die Rapszene an. HATEPOP sieht sich nicht als Teil davon. Zwar connectet das Kollektiv mit Artists, die sie cool finden und da sind auch einige aus der Rapszene dabei, trotzdem möchte keine*r von ihnen wirklich Rap machen. Anfangs habe es sich einfach so angeboten, mittlerweile können sie aber auch mit Gesang etwas anfangen. Es scheint, als wäre es dem Kollektiv nicht so wichtig, welchem Genre sie zugeordnet werden. „Vielleicht so was wie Industrial Trap Metal”, sagt Artbabe.

Während ich mit HATEPOP im schäbigen Kellerraum kegle, merke ich, wie aufgeschlossen und bodenständig – aber auch selbstkritisch – das ganze Kollektiv ist. In ihren Texten nehmen sie nämlich gerne eine Hater-Attitude” an, die sie sich sehr bewusst ausgesucht haben. Nur autobiografisch zu sein, sei langweilig. Das Kollektiv ist sehr wütend – aber auch sehr traurig, wie sie selbst über sich sagen. Jedoch sind die Künstler*innen durch ihre Musik sanfter zu sich selbst geworden – und das sei ein grosser Erfolg.

 

HATEPOP beim Kegeln. Foto: Alina Graber

 

HATEPOP ist ein Herzensprojekt und gibt dem ganzen Kollektiv sehr viel Kraft. Artbabe ist das Kollektiv unheimlich wichtig: HATEPOP ist alles, was ich habe. Ich investiere extrem viel in dieses Projekt. Ich meine, Franco arbeitet 90% im Kinderspital, das finde ich krass. Ich könnte nie so viel arbeiten und nebenbei noch so viel in die Musik investieren. Darum mache ich das Vollzeit. Natürlich arbeite ich auch noch an anderen Projekten, sonst wäre es unmöglich, mich zu finanzieren.” Seretid hat keine grossen Hoffnungen, jemals von der Musik leben zu können: Klar wäre es geil, ich habe auch keine Lust, einen 9-to-5 Job zu machen, den ich scheisse finde. Es ist einfach schwierig in der Schweiz, von Musik leben zu können.” Für das Kollektiv ist es in Ordnung, wenn es ein Herzensprojekt bleibt. Vor zwei Jahren hätten sie nie gedacht, dass sie so grosse Shows, wie zum Beispiel am Echolot Festival, spielen können oder einen Auftritt beim SRF haben.

 

Foto: Alina Graber

 

Von links nach rechts: Seretid und Artbabe. Foto: Alina Graber

 

Langsam müssen wir los. Nachdem Franco die Runde für sich entscheiden konnte, räumen wir den Kellerraum auf. Währenddessen gehen Seretid und Artbabe ihren Text durch. Wir verabschieden uns vom Restaurant-Besitzer. Er freut sich, dass wir Spass hatten und hofft, dass wir wieder einmal kommen. Das Kollektiv hat zwischenzeitlich mehrmals darüber gesprochen, ein Musikvideo in dem Raum zu drehen. Wer weiss.

Beim Radiostudio angekommen, diskutieren wir, wer mit reingehen soll. Wir lassen dem Rest des Kollektivs den Vortritt. Am Empfang kommen wir als Teil von HATEPOP rein. „Je mehr, desto besser”, meint Artbabe. Nun müssen noch Fotos gemacht werden. Artbabe und Seretid nehmen ihre Skimasken und Brillen hervor. Nicht nur die beiden sind nervös, sondern auch der Rest des Kollektivs. Und wir irgendwie auch.

Nun ist es so weit. Wir quetschen uns in das überfülle Radiostudio. Pablo steht am Mikrofon und wartet, bis die beiden bereit sind.

 

 

Nach dem vierminütigen Auftritt will das Kollektiv sofort gehen. Draussen fällt der Druck ab. Das ganze Kollektiv ist elektrisiert und scheint zufrieden zu sein. Lola verfolgt auf ihrem Handy gespannt die Reaktionen im Internet mit. Die Meinungen sind gespalten. Einige finden es feige, dass sich die beiden Rapper hinter einer Maske verstecken. Das Kollektiv hat mit dieser Kritik gerechnet. Sie sind der Meinung, dass es keine Rolle spielen sollte, ob ihr Gesicht zu sehen ist oder nicht. Jemanden aufgrund seiner Anonymität zu bewerten, sei nicht konstruktiv. Die Leistung zähle und nicht, wer hinter der Maske stecke.

Nun ist das Kollektiv froh, wieder nach Bern fahren zu können. Ob sie nächstes Jahr vielleicht doch nochmals am Cypher teilnehmen? „Mal schauen, ob wir überhaupt eingeladen werden!“

Übrigens – Der diesjährige Cypher wurde aufgrund von sexistischen, rassistischen und homophoben Texten stark kritisiert. Pablo Vögtli äussert sich auf seinem Instagram-Kanal ausführlich zu den Geschehnissen.

Du findest HATEPOP auch auf Instagram.

Hier kannst du dir Musikvideos von HATEPOP anschauen:

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