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«Mein Ziel ist es nicht mit alten Cis-Männern zu streiten, sondern junge Frauen und Queers zu stärken.» – Ein Interview mit Anna Rosenwasser.

Anna Rosenwasser ist eine Queer-Aktivistin aus Zürich. Wir durften ein Gespräch mit ihr über Social Media, Feminismus und «Cancel Culture» führen.
Anna Rosenwasser im Abendlicht und Halbschatten beleuchtet

Wer bist du und machst du?

Anna: «Ich heisse Anna Rosenwasser bin jetzt bald 31, lebe sehr gerne in Zürich und bin Queer-Aktivistin. Ich schreibe sehr gerne, trinke viel Tee und liebe Büsis.»

Was ist deine Berufsbezeichnung?

Anna: «Das ist eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt. Ich war sehr lange Journalistin und dachte eigentlich auch, dass sich das niemals ändern wird. Ich war lange Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und konnte mich dementsprechend als das bezeichnen. Bald bin ich nicht mehr bei der LOS dabei. Ich weiss noch nicht genau, wie dann meine Berufsbezeichnung lautet.

Ich schreibe ja schon, doch bin ich keine Journalistin im Sinne von Unvoreingenommenheit und Neutralität. Den Glauben an die Neutralität habe ich zum Glück komplett verloren. Frauen werden oft Aktivistinnen genannt, während Männer Experten genannt werden, weshalb ich meine Berufsbezeichnung auch nicht als Aktivistin bezeichne. Expertin ist auch keine Berufsbezeichnung. Manchmal nenne ich mich Autorin.»

Woher kam die politische Begeisterung?

Anna: «Ich war nicht die Art von Kind, welche im Freundschaftsbüchlein bei «was ich nicht mag» Ungerechtigkeit hingeschrieben hat. Ich habe mich sehr lange nicht als politischen Menschen gesehen. Durch den Queer-Aktivismus bin ich sehr politisch geworden. Über Tumblr habe ich angefangen mich mit Feminismus zu befassen.»

Siehst du dich als Influencerin?

Anna: «Ich fand die Bezeichnung Influencerin anfänglich blöd, jedoch habe ich mich begonnen, mich mit dem Begriff zu befassen und gemerkt, dass der Begriff spezifisch in der weiblichen Form sehr negativ behaftet und sexistisch geprägt ist. Wenn man Influencer*innen scheisse findet, dann findet man oft sehr klassisch weiblich konnotierte Eigenschaften scheisse, so im Stil von «Ja, die verkaufen doch bloss Lippenstift» oder «Ja, die zeigen doch nur ihre Körper». Meine Meinung dazu ist: «FICK DICH ROLAND! Ich darf meinen Körper zeigen und es ist cool von vielen Leuten abgefeiert zu werden.»

Diese negative Einstellung gegenüber Influencer*innen kommt vor allem daher, dass Frauen oft vorgeworfen wird, dass sie gerne im Mittelpunkt stehen. Einige Frauen entschieden sich bewusst dazu, sich zu sexualisieren. Leider ist das Empfinden vieler so, dass es nur okay ist Frauen zu sexualisieren, wenn es ein Mann macht. Wenn eine Frau aus Selbstbestimmung sich dazu entscheidet, ein Foto von ihrem Outfit oder Körper zu posten, ist es nicht gut. Das finde ich enorm sexistisch, weshalb ich nun ein positiveres Verhältnis zum Begriff Influencer*in habe.

Mittlerweile finde ich es nice, wenn mich jemand so nennt, weil Einfluss zu haben ist etwas, das historisch gesehen immer den Männern zugesprochen wurde. Ich möchte diese Form von Macht auch. Wenn ich in einem schönen Kontext als einflussreich beschrieben wird, wie ich das gerade erlebe, dann ist das ein gutes Gefühl.»
 
Wirst du auf der Strasse manchmal angesprochen?

Anna: «Da meine Audience vor allem während der Corona-Pandemie so gewachsen ist, passiert es mir nicht so oft, da ich nicht oft unter Leuten bin. Jedoch hat man mich letzten Sommer schon ein paar Mal nach dem Sport in der Umkleide angesprochen. Ich glaube das waren alles Leute, die so viel Sport machen, dass ihnen Nacktheit relativ egal ist. Trotzdem war es mir schon etwas unangenehm und ich habe sie dann gebeten kurz zu warten, bis ich meine Kleidung angezogen habe. Das waren so die einzigen Momente, in denen ich mir gedacht habe «Boundaries people! Ich habe nur einen Sport BH an. Könnt ihr bitte warten».

Aber sonst hatte ich eigentlich nur positive Erfahrungen mit Fans. Was mir sehr wichtig ist, mit allen Fans die ich treffe, ist, dass wir auf Augenhöhe sind und ich nicht idealisiert werde. Im Feminismus geht es darum, Schulter an Schulter zu kämpfen und deshalb möchte ich unbedingt mit allen Menschen, auf Augenhöhe begegnen.»
 
Willst du Politikerin sein/werden?

Anna: «Nein, ich glaube nicht. Ich habe mal als Nationalrätin kandidiert, jedoch hatte das mehr den Zweck ermutigend für andere Frauen zu sein als selbst zu kandidieren. Ich bin beispielsweise nie Unterschriften sammeln gegangen für die Juso oder Ähnliches. Wenn ich mich parteipolitisch engagiert habe, dann eher in Form von Vorträgen und Workshops. Ich bin ausserdem auch gar kein Fan des schweizer Parteiensystems. Das war eine meiner grössten Erkenntnisse in meinem Politikstudium. Das Schweizer System hält egal in welcher Partei du bist viele Formen von Ungerechtigkeit aufrecht, weshalb mein Ziel eher ist, junge Frauen und Queers zu ermutigen ihren Platz in der Politik zu finden. Das kann auch ausserparlamentarisch sein.»
 
Wie gehst du damit um, dass ältere Generation Dinge, wie Gendern nicht verstehen oder nicht interessieren? Und wie sensibilisierst du sie für solche Themen?

Anna: «Wenn ich ältere Menschen über feministische Themen sensibilisiere, dann ist das meistens versehentlich. Meine Zielgruppe sind vor allem Frauen und Queers zwischen zwanzig oder dreissig. Wenn ich manchmal bei Radiosendungen von beispielsweise dem SRF eingeladen bin, dann heisst das Publikum eher Rolf oder Monika aber mein Zielpublikum sind die nicht. Ich gehe oft nach der Devise «pick your battles».

Wenn ein Rolf jetzt unbedingt ums Verrecken kein Gendersternchen verwenden möchte, dann verschiebe ich oft einfach den Fokus. Mir ist oft wichtig herauszufinden, was die Menschen am Feminismus stört. Beispielsweise stören sich viele Menschen an der Cancel Culture, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen etwas verboten oder weggenommen wird. In diesen Fällen geht es aber nicht um das Gendern per se. Rolf schafft es ja auch den Begriff iPhone mit einem kleinen i zu schreiben. Es ist ein Stellvertreter-Streit. Es geht nur darum, dass eine junge Frau ihm etwas vorschreibt. In seiner privilegierten Welt fühlt es sich wie ein Verbot an. Rolf weiss nicht, wie es ist unfrei zu sein.

Wenn man sich bewusst macht, dass ältere Generationen gar keinen Zugang mehr zu diesen Themen finden, dann merkt man, dass man eine andere Zielgruppe adressieren muss. Mein Ziel ist es nicht mit alten Cis-Männern zu streiten, sondern junge Frauen und Queers zu stärken, sodass wir mitreden können und in der Überzahl sind. Ich möchte Menschen bestärken und mit ihnen zusammen die Welt zu einem besseren Ort machen. Jedoch habe ich grossen Respekt vor Frauen, die dafür kämpfen. Ich möchte eher ermutigend sein als irgendetwas anderes.»

Ertappst du dich manchmal dabei, dass du Bestätigung durch Likes oder Ähnliches auf Social Media suchst?

Anna: «Ja, ich habe mich auch schon dabei ertappt, wie ich beleidigt war, als ein Post nicht so viele Likes hatte. Ich habe aber einige Bücher darüber gelesen und weiss darum, dass das menschliche Gehirn nun mal so funktioniert. Das macht nicht, dass es bei mir weggeht, jedoch verstehe ich es und kann besser damit umgehen.»
 
Hast du schon mal einen «Shitstorm» erlebt?

Anna: «Zum Glück noch nie, jedoch rechne ich schon auch damit, dass das eines Tages passieren könnte. Ich pflege eigentlich eine sehr konstruktive Kritikkultur mit meinen Abonnent*innen, um Shitstorms so gut wie möglich umgehen zu können.»

Wie stehst du zum Thema «Cancel Culture»?

Anna: «Ich finde «Cancel Culture» ein sehr interessantes Thema. Ich glaube, es ist ein Stellvertreterkrieg und der Begriff «Cancel Cuture» ein eher rechter Kampfbegriff ist. Die wichtige und richtige Frage wäre, wie wir auf eine gesunde Art und Weise lernen können, konsensbasiert miteinander zu diskutieren und konstruktive Kritik auszuüben. Jedoch kommt diese Kritik oft von Menschen, die durch strukturelle Umstände gewohnt sind, dass ihnen nichts verboten wird. Es geht ihnen nicht darum, dass eine Kritikkultur geschaffen wird, die angebracht wäre, sondern dass sie sich eingeschränkt fühlen. Es kommt von einer Generation und einem Geschlecht, welche selten Konsequenzen für ihre Worte und Taten gekriegt hat.

Menschen, welche vorher strukturell bedingt keinen Weg hatten, ihre Stimme zu erheben, haben nun Wege gefunden sich gegen verwerfliche Aussagen und Taten zu wehren. Nicht mehr die Freiheit zu haben zu sagen, was man will, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen, ist für einige Menschen angsteinflössend.

Wenn ich Kritik kriege, versuche ich damit sehr transparent umzugehen, damit andere auch mit mir mitlernen können. Ich habe gelernt das Gefühl der Wut, nach dem ich zu Recht kritisiert wurde, zuerst auszuhalten, um mir dann genau zu überlegen, wie ich damit umgehen soll. Wenn ich zu schnell handle, dann kommen nur verteidigende und wütende Aussagen dabei raus, welche nicht konstruktiv sind. Der Vorwurf, alle «canceln» zu wollen, ist dementsprechend nicht so richtig. Wir canceln nicht wahllos irgendwelche armen Männer, sondern wir ziehen sie für ihre Aussagen zur Verantwortung.»

Was darf Humor alles und wo fängt Diskriminierung an?

Anna: «Ich bin der Meinung, dass Humor nicht auf Kosten der Schwächeren gehen sollte. Man sollte nach oben treten und nicht nach unten. Ich persönlich achte darauf, dass  meine Witze in eine sinnvolle Richtung treten.»
 

Verkehrst du mit Menschen, die eine andere politische Meinung haben als du?

Anna: «Es kommt darauf an in welcher Ausprägung. Wenn sich jemand homophob und sexistisch äussert, dann nehme ich mir das Recht heraus meine Zeit nicht mit denen zu verbringen. Das Argument «Geh mal aus deiner Bubble heraus» zieht bei mir nicht, weil ich liebe meine Bubble und ich werde gerne von meinem Umfeld respektiert.»
 
Glaubst du, dass Politik noch ohne Social Media funktionieren kann?

Anna: «Nein, definitiv nicht. Ich glaube, dass mein Kanal nicht so gut laufen würde, wenn junge Leute nicht dringend einfach formulierte Informationen bräuchten. Ich wünschte mir, dass sich mehr Parteien auf sozialen Netzwerken engagieren würden und sich somit zugänglicher machen würden. Es ist einfach ein enorm wichtiges Medium, um junge Menschen zu erreichen. Es stimmt nicht, dass echte Politik nur im echten Leben stattfinden kann –  Als ob man Realität und Internet noch trennen könnte. Diese Ansicht ist einfach sehr veraltet.»

Danke für das Interview!

 

 

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