Text von

«Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben im jungen Alter eine Identitätskrise.“ – Ein Interview mit dem Meme-Admin von „loesch.ch“

«Loesch.ch» ist eine Memepage aus Zürich, die seit 2019 ein wichtiger Bestandteil der Memeszene ist. Die Memespage thematisiert auf einer humorvollen Ebene grösstenteils das Aufwachsen und Leben als Mensch mit Migrationshintergrund in der Schweiz. Ich habe das Gesicht hinter «loesch.ch» getroffen und mit ihm über Kulturunterschiede, Kritik und politische Memes gesprochen.
Instagram - Anzeigebild von der Memepage "loesch.ch" - junger Mann mit langen Haaren und Kappe mit Blick nach oben geneigt

Du willst deine Identität sicher geheim halten – Das respektiere ich natürlich. Wie beschreibst du dich unseren Leser*innen?

loesch.ch: «Ich bin Kurde und Alevit.»

 

Was hat es mit deinem Namen auf sich?

loesch.ch: «Das ist unser zweiter Account. Der erste Account hiess «Skrm Haferflocke» und ist gelöscht worden. Vermutlich, weil «Sikerim» ein türkischer Kraftausdruck ist. Am Anfang waren wir mehrere Personen, seit eineinhalb Jahren führe ich den Account mehrheitlich alleine.»

 

Was macht deine Memepage einzigartig?

loesch.ch: «Ich würde nicht sagen, dass meine Page einzigartig ist. Ich spreche einfach eine andere Zielgruppe an. Meine Follower*innen merken, dass ich den gleichen oder einen ähnlichen Background habe. In der Schweiz gibt es viele Personen mit Migrationshintergrund, die sich von meinen Memes angesprochen fühlen. Ich wurde schon mehrmals zu Hochzeiten eingeladen, das finde ich lustig.»

 

Viele deiner Memes thematisieren das Aufwachsen als Kind in der Schweiz mit Migrationshintergrund. Basieren deine Memes auf eigenen Erfahrungen?

loesch.ch: «Meine Eltern sind 1988 in die Schweiz gekommen. Ich bin in Zürich geboren und aufgewachsen. Viele Situationen, die ich mit meinen Memes beschreibe, haben ich, meine Geschwister oder meine Freund*innen erlebt. In den «makaberen» Memes verarbeite ich gewisse Erlebnisse. Nicht alle Memes basieren auf meinen eigenen Erfahrungen, viele sind auch von meinem Umfeld inspiriert.»

 Hier ein Beispiel:

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Skrm Haferflocke (@loesch.ch)

Gibt es Situationen, die dich im Zusammenhang mit deinem Migrationshintergrund stark geprägt haben?

loesch.ch: «Ja klar, dass passierte schon früh. Ich bin mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen und musste im Kindergarten eine neue Sprache lernen. Zum Glück geht das im jungen Alter sehr schnell. Auch die kulturellen Unterschiede machten sich früh bemerkbar. An Weihnachten war es für viele andere Kinder normal, Geschenke zu kriegen. In meiner Kultur feiern wir andere Feiertage. Meine Eltern waren der Schweizer Kultur gegenüber immer sehr offen. Meine Mutter hat an Ostern für mich und meine Geschwister Ostereier versteckt, dass wir uns im Kindergarten nicht ausgeschlossen fühlten.»

 

Sind dir Schwierigkeiten aufgefallen, mit denen viele Menschen mit Migrationshintergrund kämpfen?

loesch.ch: «Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben im jungen Alter eine Identitätskrise. Sie wissen nicht, wer sie sind und wo sie hingehören. Irgendwann bekommen sie das Gefühl, dass die Schweiz nicht ihr Zuhause ist. Dann fahren sie zu ihrer Famile – zum Beispiel in die Türkei – und merken, dass sie sich auch dort nicht zu Hause fühlen. Diese Krise haben viele. Es ist wichtig, diese zu verarbeiten und für sich persönlich zu definieren, was «Heimat» bedeutet.»

 

In deinen Memes beschreibst du öfters diskriminierende Situationen. Als konkretes Beispiel: Der Fernsehsender TeleZüri strahlte schon öfters Szenen von Menschen mit Migrationshintergrund aus, welche nicht so gut Deutsch sprechen. Ist es eine Art «Abwehrmechanismus», solche Themen mit Humor zu behandeln?

loesch.ch: «Ja klar. Trotzdem möchte ich klarstellen, dass nicht alle meine Memes eine Message oder einen tieferen Sinn haben. Ab und zu gibt es Dinge, die ich kritisiere. TeleZüri ist ein gutes Beispiel: Die CreditSuisse könnte bankrottgehen und sie würden trotzdem einen Ausländer vor die Kamera stellen, der nicht gut Deutsch spricht. Wahrscheinlich weiss TeleZüri, dass solche Videos auf Social Media gut ankommen und so die Runde machen. So generieren sie Klicks. Ich kann es schon verstehen, dass ein Regionalsender das tut, aber es ist natürlich sehr problematisch.»

 

Hast du schon Mal ein Meme gelöscht?

loesch.ch: «Ja. Da habe ich Nachrichten von mehreren Menschen erhalten, dass ein Meme unangebracht ist. Dann lösche ich es auch, die Likes sind mir dann egal. Schlussendlich habe ich nichts davon, das Meme nicht zu löschen und dazu möchte ich keine Inhalte teilen, die jemanden verletzen.»

 

Wie gehst du mit Kritik um?

loesch.ch: «Was ich gemerkt habe ist, dass wenn man sich in eine «Nische» begibt, die «woke» ist, wird einem viel mehr auf die Finger geschaut. Klar bin ich dagegen, dass jemand diskriminiert wird und ich bin auch offen für Kritik. Aber manchmal denke ich mir auch: «it’s a meme bro.» Der Kritikpunkt spielt natürlich eine entscheidende Rolle. Ich habe es schon erlebt, dass Personen mich kritisiert haben, obwohl sie den Witz nicht verstanden haben. Dann klärt sich das meistens, wenn ich den Witz erkläre.»

 

Gibt es Dinge an der schweizer «Memeszene», die dich stören?

loesch.ch: «Nein, stören tut mich nichts. Was ich cool fände, wenn Memecreator*innen mehr machen als einfach nur Bild und Caption. Ich finde es lustig, wenn Videos bearbeitet oder verändert werden. Ich weiss, das ist sehr aufwändig, aber ich finde das cool. Generell finde ich es angenehm, wenn Memes visuell gut gemacht sind. Ich weiss es ist unnötig, aber ich achte extrem darauf wie meine Memes aussehen. Ich steigere mich da zu fest rein, obwohl es wahrscheinlich kaum jemanden interessiert (lacht).»

 

Die Debatte ob sich Personen mit einer grösseren Reichweite politisch positionieren müssen ist brandaktuell. Was sagst du dazu?

loesch.ch: «Ich finde, es muss jede*r selber entscheiden, ob man politisch sein möchte. Wenn man politisch ist, sollte man sich gut informieren und hinter den eigenen Aussagen stehen. Wenn man anfängt politische Memes zu machen, dann muss man sich auch mit den politischen Themen auseinandersetzen. Dazu ist es wichtig, die eigene Community darauf Aufmerksam zu machen, sich mit wichitgen Themen zu beschäftigen.

Dazu fällt mir auch eine Geschichte ein: Bei der Begrenzungsinitiative gab es ein Video von der SVP (Begrenzungsinitiative (DE) – JA zur massvollen Zuwanderung), dass viel Aufmerksamkeit erregte. Es gab unzählige Memes dazu – unter anderem auch eins von mir. Ein anderer Instagram-Account hat damals jede Woche, die lustigsten Memes gepostet. Sie haben mich angefragt, ob sie mein Meme posten dürfen. Das war für mich kein Problem, doch mir war es wichtig, explizit hinzuschreiben, dass ich keine Werbung für die SVP mache. Für jene, die meinen Account kennen ist klar, dass ich keine Werbung für die SVP mache. Trotzdem war es mir wichtig darauf hinzuweisen – vor allem weil mein Content auf einem fremden Account gepostet wurde. Ich finde, das ist die Verantwortung, die man tragen muss.»

 

Hast du ein Ziel, dass du mit deiner Memepage erreichen willst?

loesch.ch: «Nein, gar nicht. Ich poste auch nur dann, wann ich Lust und Zeit habe. Vielleicht entstehen in Zukunft weitere Projekte, das wäre cool. Aus der Memepage ist zum Beispiel der Podcast «Çay» von meinem Kollegen Jozo entstanden, der zuerst als Admin dabei war. Ich bin froh, dass ich zum Startschuss beitragen konnte.»

 

Was sagen deine Eltern zu deiner Memepage?

loesch.ch: «Naja…Verstehen eure Eltern was Memes sind? Meine Eltern sind Boomer. Einige Memes von mir wurden in der 20 Minuten Zeitung gedruckt. Ich habe meiner Mutter erzählt, dass ich in der Zeitung bin. Daraufhin war sie etwas enttäuscht, weil man mein Gesicht nicht gesehen hat (lacht). Wir haben auch Merchandise-Artikel, die habe ich ihr gezeigt. Die fand sie cool.»

Danke für das Interview und die gute Unterhaltung.

Hier sind unseren persönlichen  Favoriten von loesch.ch:

 

Weitere Artikel